Quellenanalyse und Interpretation I.33

Äußere Quellenanalyse

 

Das Fechtbuch I.33 ist ein einzigartiges Dokument des ausgehenden 13. Jahrhunderts und beschäftigt sich mit der Darstellung zweier Fechter in einer Lehrsituation. Die folgende Abhandlung beschäftigt sich mit der Interpretation der Zeichnungen auf 64 Seiten. Das Arbeitsmaterial sind farbige Comupterscans, die über das Internet zur Verfügung standen. (https://commons.wikimedia.org/wiki/Royal_Armouries_Ms._I.33) Aussagen zur Hardware können daher nicht gemacht werden.

Es soll versucht werden, anhand von Regelmäßigkeiten Bewegungslinien nachzuzeichnen und so eine Antwort zu geben, wie die Fechttechniken interpretiert werden können.

Auf den Bildtafeln wird mit einem einhändigen Schwert mit gerader Parierstange gefochten sowie einem runden gewölbten Faustschild, mit einer „Spitze“ in der Mitte.

Auf Grundlage bisheriger Literaturfunde kann davon ausgegangen werden, dass im ausgehenden 13. Jahrhundert eine gewisse Fechtkunst herrschte. Es gab Fechtlehrer / Fechtmeister, die ihre Kunde an Fechtschüler weitergaben. Das Zunftwesen war jedoch noch nicht entwickelt, die Fechtergesellschaften (Marxbrüder, Federfechter) noch nicht begründet. Ob schon von einer geschlossenen Fechttradition im Sinne Liechtenhauers gesprochen werden kann, bleibt offen.

Die Waffen dieser Zeit waren hochentwickelt. Der Oakeshott-Klassifikation nach könnte es sich um das meistverwendete Schwert des ausgehenden 13. Jahrhunderts des Typs XII handeln, obwohl diese gewöhnlich mit einem gebogenen Parier ausgestattet waren. Das Schwert hätte dann eine Klingenlänge von ca. 80-85 cm, in der Stärke breit und sich zur Schwäche stark verjüngend, mit einer Hohlkehle über ca. 2/3 der Länge. Der Ort ist leicht abgerundet. Als Knauf wird ein Scheibenknauf verwendet. Es könnte sich auch um eine Schwert des Typ XIV handeln, dann hätte es eine Klingenlänge von ca. 70 cm, wäre in der Stärke breite und stark zum Ort hin verjüngend.

Auf den Tafeln zu sehen ist ein runder Schild mit einem zur Spitze entwickelten Buckel  (vgl. Tafel 1v).

Die Schildfessel geht quer durch den Schild von einem Rand zum anderen und ist in der Mitte verjüngt (vgl. Tafel 4r). Die Fessel sitzt im Inneren des Bucklers, die Schildhand verschwindet vollständig und wird vom Buckler umschlossen. Der Schwerpunkt des Bucklers liegt damit sehr weit vorne. Der Buckler lässt sich dadurch um die Hand herum drehen und liegt sehr stabil in der Hand.

Ob Kriegshandwerk oder Waffenspiel ist auf den Tafeln nicht eindeutig ersichtlich. Die Techniken selbst sind final und oft auf Beschädigung des Gegners ausgerichtet. Es ist jedoch auf keiner Tafel ein Eindringen in den Körper oder eine tatsächliche Verletzung zu sehen.


Personendarstellung allgemein

Das Fechtbuch wurde wahrscheinlich von einem Kleriker in einem Kloster schreiben und zeichnen gelassen. In wie fern der Schreiber ein Fechtkundiger war, ist ungewiss. Es wurden folgende Farben verwendet: rot, blau, braun, schwarz. Die Figuren sind in Farbe gemalt. Auf den Tafeln 1r bis 2v sind die Fechter in grün gehalten. Danach ist ein Fechter immer mit einer braunen Kapuze, einem blauer Habt und einer braunen Hose gezeichnet. Der andere Fechter immer in blauer Kapuze, braunem Habit und blauer Hose. Da die Farben der Personen von Tafel zu Tafel wechseln wird damit eine bestimmte Absicht verfolgt. Es scheint so, dass der offensive Fechter in blauem Habit dargestellt ist und der defensive in braunem Habit.

Da die Offensiven wechseln, erscheinen auch die Fechter abwechselnd in blauer oder brauner Farbe. Der Betrachter kann damit die beschriebenen Techniken leichter zuordnen und nachvollziehen. Das ist gerade dann von Bedeutung, wenn aufgrund der besseren Veranschaulichung ein Perspektivwechsel vorgenommen wird. So werden Hiebe zur linken Kopfseite des Gegners immer von links nach rechts schlagend dargestellt, während Hiebe zur rechten Kopfseite des Gegners immer von rechts nach links schlagend dargestellt werden.

Es sind im Ansatz räumliche Darstellungen erkennbar. Unter anderem kommt die Schulterlinie klar heraus, und es ist erkennbar, welche Hand verwendet wird. Es ist manchmal erkennbar, ob der Hieb zur rechten oder linken Kopfseite ausgeführt wird. Man sieht mal den Schild von außen und dann wieder von innen. Daraus lässt sich auf eine Hiebführung schließen.

Es werden drei Personen dargestellt. Auf den Seiten 1v bis 32.r sind ein Priester (Lehrer) mit Tonsur und ein Novize (Schüler) mit Kapuze zu sehen. Auf den letzten vier Tafeln sehen wir den Priester mit einer Frau gezeichnet, der Walpurga.

Die männlichen Fechter scheinen in typischer Kleidung der Mönche gekleidet zu sein. Sie tragen einen langärmligen Habit, der vermutlich durch einen Zingulum (Gürtel) in der Hüfte gebunden wurde, den man jedoch auf den Bildern nicht erkennen kann. Darüber tragen sie eine Kapuze. Durch den Farbunterschied gegenüber dem Habit erkennbar, erscheint dies als separates Kleidungsstück mit einem eigenen Kragen und wird über der Kutte getragen.

Das Kleidungsstück der Walpurga besteht aus einer Untertunika und einer ärmellosen Übertunika, ohne Kragen, ohne Haube und ohne Kapuze. Während die Kleidung der Mönche einem Orden zugeordnet werden können, erscheint die Kleidung der Walpurga eher weltlich orientiert zu sein.


 

Beinstellung

Bemerkenswert ist bei allen Fechtern, dass die Tunika und der Habit gerafft sind, scheinbar in den Gürtel gesteckt, welcher nicht erkennbar ist. Dadurch treten die Fechter mit nackten Beinen / Hosen den Knien abwärts auf. Schuhe oder Sandalen sind nicht erkennbar, dafür tragen die Fechter weiße Handschuhe mit langen Stulpen und strumpfähnliche Schuhe.

Auf Bildtafeln des Mittelalters kann man die bäuerliche Bevölkerung mit geraffter Tunika arbeitend auf den Feldern sehen. Dies war zum einen der besseren Beweglichkeit geschuldet, zum anderen aber auch um die Tunika vor übermäßiger Verunreinigung zu schützen. Bei Mönchen und der bürgerlichen Gesellschaft ist dies nicht üblich. Diese werden grundsätzlich in langer Kleidung dargestellt. Von Frauen in der Zeit wurde erwartet, dass die Obertunika knöchellang getragen wurde. Lediglich von Dirnen gibt es Abbildungen mit geraffter Tunika. Wenn wir davon ausgehen, dass im I.33 keine Obszönitäten dargestellt werden sollen, muss damit eine andere Absicht verfolgt worden sein.

Der Beinarbeit des modernen Sportfechtens wird eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Sowohl die Fechtstellung, als auch die Koordination der Fechtbewegung wird zielführend ausgeführt, um ein Höchstmaß von Stabilität und gleichzeitiger Dynamik, verbunden mit Schnellkraft und Effektivität zu erreichen. Auf einigen Bildern des I.33 ist eine vergleichbare Stellung zu sehen, die Füße stehen grob gesehen in einer L-Form zu einander.

Auf einigen anderen Abbildungen könnte man vermuten, dass eine andere Fußstellung eingenommen wird. Es sieht so aus, als ob die Füße auf einer Linie mit den Zehen nach vorne stehen. Aus praktischer Erfahrung ist diese Interpretation abzulehnen, da so weder eine Stabilität noch eine Dynamik erzielt werden kann. Es wird eher vermutet, dass durch das besonders hervorgehobene Aufstellen auf die Zehenspitzen auf eine erhöhte Dynamik und Körperspannung hingedeutet werden könnte. In modernen Comic-Zeichnungen werden zur Darstellung von Dynamik und Geschwindigkeit Linien oder in sich verschlungene Kreise eingezeichnet. Damals hatte man wahrscheinlich einen anderen Ausdruck dafür gebraucht.

Desweiteren könnte dies Ausdruck von Kraftvektoren sein, bzw. auf unterschiedliche Bewegungen (Annäherung, Ausfall, Wechselschritt, Fechtschritt) hindeuten, oder sogar ein Hinweis auf die Mensur.

Deutet das Tragen der Handschuhe darauf hin, dass es schon damals als sinnvoll erachtet wurde? Zum besseren Griff, zum Schutz der Hand?


Personendarstellung besonders

Der Priester und der Novize werden grundsätzlich so dargestellt, dass die Beine in der Fechtstellung stehen, der Oberkörper ist in sich gerade, in der Hüfte abgewinkelt und nach vorne gebeugt. Der zu schützende Bauch wird nach hinten entzogen. Die Rippen der  Brust legen sich dadurch wie ein Schuppenpanzer über Lunge und Herz und schützen diese vor tödlichen Verletzungen.

Die vordere Schulter liegt in etwa in Höhe des vorderen Knies. Aus dieser Haltung heraus sind schnellkräftige Bewegungen in alle Richtungen möglich.

Die Figuren lächeln auf den Bildern. Dies könnte ein Zeichen für Entspannung und Lockerheit sein und Hinweis geben auf ein technisches Fechten, statt Bolzen mit roher Kraft. Die rotgemalten Wangen unterstreichen dies und machen deutlich, dass Wut, Hass und Aggression dem Fechten nicht dienlich sind.


Hiebbewegungen

Auf einigen Tafeln erscheint die Waffenhand merkwürdig verdreht, die Handfläche schaut nach oben. Auf anderen Tafeln schaut der Handrücken nach oben. Nach Interpretation der Fechttechniken wird vermutet, dass damit lediglich die Hiebrichtung verdeutlicht werden soll. Es wird grundsätzlich mit der langen Schneide gearbeitet. Um anzudeuten, dass die lange Schneide zum gegnerischen Körper geht, wird dies durch das Zeigen der Handfläche zum Zeitpunkt des Treffers kenntlich gemacht. (Bsp. 7r oder 22v/23r)

Ausnahme scheint die Tafel 21r zu sein, da hier mit der kurzen Schneide gegen den oberen Langort oder Stoß angebunden wird.


Taktische Überlegungen

Es wird ausschließlich mit dem Schwert gefochten, offensive Buckler-Einsätze zur Beschädigung des Gegners gibt es nicht. Der Buckler dient dem Schutz der eigenen Waffenhand, der Bindung der gegnerischen Waffenhand und Bucklerhand oder er dient dem Aussperren des gegnerischen Angriffs. Auch zur Finte wird er eingesetzt.

Das I.33 zeigt ein Fechtsystem auf drei Zeiten : es wird in der Regel zuerst eine Bindung Waffe gegen Waffe gesucht, danach erfolgt eine Übernahme durch den Buckler und drittens der Hieb oder Stich zum Gegner.

In den Darstellungen wird das Schwert immer im geschlossenen „Hammergriff“ gehalten. Es ist jedoch zu vermuten, dass auch die „Daumenlage“ oder der offene „Hammergriff“ benutzt worden sind, je nach Technik.


Technische Vorüberlegungen I

Waffenführung

Die Fechtenden werden als Rechtshänder dargestellt, der Buckler wird in der linken Hand geführt. Die Waffe wird – bis auf bestimmte Techniken – grundsätzlich mit der langen Schneide geführt! So bildet der Unterarm immer eine Linie mit der Klinge und bietet wenig Angriffsfläche für Indes-Aktionen des Gegners. Der Körper steht damit außerdem immer hinter der Waffe und es wird nur eine Blöße geboten.

Es gibt verschiedene Angriffstechniken:

  • offene ungedeckte Angriffe
  • gedeckte Angriffe
  • direkte Angriffe
  • Bindungsangriffe
  • Sperrangriffe
  • Parade-Riposte-Angriffe
  • Angriffe in 2. Absicht
  • Fintangriffe

Es wird in der Regel hoch gefochten, die Angriffsfläche ist überwiegend Kopf, Hals und oberer Torso. Es ist zu vermuten, dass jedoch auch Armvorhieb und Manschetthieb auf Hieb und Stich gefochten wurde, da der gegnerische Waffenarm die nächstgelegene Trefferfläche darstellt. Die Treffer werden grundsätzlich mit der Schwäche der Klinge und dem Ort erzielt, wobei beim Durchtreten der Mensur sicherlich auch das Gehilz mit Parier und Kloß genutzt wurden.

In vielen Abbildungen wird deutlich, dass eine Bedrohung (Halbschild oder Langort) immer erst beseitigt werden muss, bevor der eigene Angriff startet.


 

Technische Vorüberlegungen II

Buckleraktionen

Der Buckler wird als Deckung für die eigene Schwerthand, als Bindung der gegnerischen Schwerthand und des gegnerischen Bucklers benutzt. Darüber hinaus wird er genutzt, um durch eine Finte die gegnerische Deckung von Schwert und Buckler zu lösen.

Insgesamt können folgende Buckleraktionen festgestellt werden:

  • Die Hand verschwindet im Buckler. Der Griff scheint in der Wölbung zu liegen.
  • In der Einladung und im Zufechten ist der Buckler oft an den Körper gezogen.
  • Der Buckler wird meistens in Höhe der Brust gehalten, der Buckel zeigt in der Regel zum Gegner.
  • Beim Decken der eigenen Waffenhand liegt der Buckler mit der Schildfessel auf der Waffenhand und bildet mit dem Gehilz eine Einheit.
  • Bei der Versatzung liegt der Buckler auf der eigenen Waffenhand zwischen eigener Waffe und der gegnerischen Waffe.
  • Zum Zeitpunkt der Bindung ist der Arm gestreckt.
  • Beim Bindungsangriff wird Schildbuckel auf Schildbuckel der gegnerischen Schildhand gelegt.
  • Beim Angriff geht der Buckler mit nach vorn zur eigenen Waffenhand oder zur Bindung der gegnerischen Waffe.
  • Der Buckler wird genutzt zur Bindung von gegnerischem Buckler und Waffe.

Ergänzung folgt in Kürze!

 

 


Inhaber: Martin Helmke

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SchwertRing

 


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